Eine Stange Dynamit bitte, zum Mitnehmen.

Ein Besuch in der Silbermine in Potosí, Bolivien

Der Besuch der – noch immer – in Betrieb stehenden Silbermine im Cerro Rico in Potosí gehört auf jeden Fall zu den spannendsten und gleichzeitig bedrückendsten Erlebnissen meiner Südamerikareise.

 Potosí

Potosí, Bolivien
Potosí, Bolivien

Potosí ist eine – auf im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubenden 4000m Seehöhe liegende Stadt in Bolivien, am Fuße des Cerro Rico, ein Berg mit (ehemals) riesigen Silbervorkommen. Einst, nach der Entdeckung der Silbervorkommen durch Spaniens Konquistadoren, eine der reichsten Städte Südamerikas, ist Potosí heute eine arme, staubige Stadt, in der die Mineros weiterhin mit den Methoden von damals nach wertvollen Metallen schürfen (müssen). Die Arbeitsbedingungen und die Abbaumethoden haben sich kaum verändert, seit der Cerro Rico im Jahr 1545 Silber entdeckt wurde.

Kein gewöhnlicher Ausflug

Auf meiner Südamerikareise kam ich nach La Paz – und einem kurzen Zwischenstopp in Sucre – in diese Stadt, mit dem Ziel, eine Tour in die Silbermine zu machen.

Nach Check-In im – aufgrund des tollen Frühstücks sehr empfehlenswerten – Koala Den Hostel schloss ich mich sofort einigen anderen Reisenden an und wir machten uns auf die Suche nach einem vertrauenserweckenden Tourenanbieter. Gesagt – getan, einige Angebote später, entschieden wir uns schließlich für einen, der ausschließlich ehemalige Mineros als Guides in die Mine schickt.

Am nächsten Tag ging es gleich nach dem ausgezeichneten Frühstück los.
In einem Hinterhof bekamen wir jeweils Helm, Stirnlampe, Schutzanzug und Gummistiefel ausgehändigt. Nach einer sehr ausführlichen Einführung in die Umgangsformen und Sicherheitsbestimmungen auf unserer Tour gings im Minibus weiter.

Am Fuße des Bergs angelangt, nächster Halt, und der hatte es in sich:

In einem kleinen Shop, eher ein Zimmer mit einigen Regalen, sollten wir Dynamit, hochprozentigen Alkohol, Cocablätter oder Limonaden kaufen.

Hintergrund ist, dass man sich mit diesen Mitbringsel ein kurzes Gespräch mit einem der Mineros „erkaufen“ kann bzw. den Mineros diese nützlichen Geschenke machen kann.

Also orderte ich zwei Dynamitstangen und einen großen Sack Cocablätter und bekam sogleich ein etwas mulmiges Gefühl, einfach so mit zwei Dynamitstangen in der Gegend herumzulaufen…

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Nun konnten wir endlich starten! Beim Anblick des Eingangs zur Mine huschten sofort Bilder von Western und Bonanza durch meinen Kopf, wahrlich eine filmreife – mittelalterlich wirkende – Kulisse:

Am Gleisbett, links und rechts davon ca. 10cm Platz, und leicht geduckt, machten wir uns also auf Weg. Mit jedem Meter wird es immer heißer. Das dreckige Wasser, der steigende Feinstaubanteil und die 4000m Höhe tun ihr Übriges.

EIngang zur Mine
Eingang zur Mine

Plötzlich, ein Signal des Bergführers nachdem er – ganz Western-like – das Ohr in die Nähe der Schienen hält. Wir laufen 10 Meter nach Vorne und springen in eine Ausbuchtung. Außer Atem dauert es nur wenige Sekunden, und schon donnert ein mehrere 100kg schwerer Minenwaggon, angeschoben von ein paar Mineros, an uns vorbei. Der Führer macht einen guten Job. Unser Guide zeigt uns Silberadern und erklärt uns, wie Sprengungen durchgeführt werden.

Im Labyrinth biegen wir irgendwann ab, kriechen, rutschen und steigen weiter, da die Gänge immer enger und niedriger werden. Verschwitzt und außer Atem kommen wir an den ersten Mineros vorbei, überreichen Ihnen das mitgebrachte Dynamit und die Cocablätter und kommen so kurz mit Ihnen ins Gespräch.
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So erfahren wir, dass diese pro kg gefördertem Gestein bezahlt werden und meist über 12 Stunden am Stück in der Mine bleiben. Spätestens bei der Frage nach dem Alter und wie lange er schon in der Mine arbeitet, läuft uns allen ein kalter Schauer über den – verschwitzten – Rücken. Oftmals übernehmen die Kinder die Plätze ihrer Väter, viele beginnen bereits mit 14 Jahren als Mineros zu arbeiten. Unvorstellbar, was die Mineros hier Tag für Tag unter unwürdigen Bedingungen leisten müssen. Den – im Vergleich mit z.B. Handwerkern – guten Verdienst bezahlen sie mit einer deutlich geringeren Lebenserwartung.

Beim Ausstieg wird uns schnell klar: Das ist keine normale Tour. Eine spannende Erfahrung, die ich nicht wieder machen möchte.

Ich steige in den Bus nach Uyuni, und habe, da der Bus ziemlich leer ist, mehrere Stunden Zeit, über das gesehene Nachzudenken. Zeit, die man nach diesem Minenbesuch in jedem Fall braucht…

Müssen Touristen alles sehen?

Die Frage, ob so eine Touristenattraktion nicht geschmacklos sei, kann man sich natürlich stellen. Selbstverständlich ist ein gewisser Nervenkitzel und Schaulustigkeit ein Teil der Faszination. Spätestens bei Gesprächen mit den Arbeitern schwindet das erwartungsvolle Lächeln und verwandelt sich in tiefen Respekt für die Menschen, die hier unten unter schwersten Bedingungen unbegreiflich harte körperliche Arbeit erbringen. Also fällt das Fazit zwiespältig aus. In diesem Fall bin ich aber eindeutig dafür, diese Mine als Touristenattraktion beizubehalten.

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